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Entdecken Sie China!
Jenseits der Großen Mauer öffnet sich ein unbekanntes Riesenreich
»Il Milione« nannten die Venezianer ihren Landsmann, der so viel von einem reichen und prächtigen Land im Osten zu berichten hatte - einen Aufschneider also. Dabei war jener Marco Polo kein Phantast, sondern ein nüchterner Berichterstatter. 17 Jahre lang, von 1275 bis 1292, lebte er als Kaufmann und, nach eigener Auskunft, auch als Beamter in China. Sein Name steht bis heute für ein Fernweh besonderer Art: für die Sehnsucht nach dem Reich der Mitte.
Wer von China spricht, der redet von einem Kontinent. Seine nördlichste Stadt, Mohe in der Provinz Heilongjiang, liegt auf der Höhe von Berlin, die tropische Insel Hainan auf dem Breitengrad der Südsahara. Dazwischen erstreckt sich eine Fläche von 9,6 Mio. km². Der Fernzug Shanghai-Urumqi braucht von der Mündung des Yangzi bis in den äußersten Westen dreieinhalb Tage und legt 4077 km zurück. Selbst mit dem Flugzeug benötigt man fünf Stunden, um China von der östlichen zur westlichen Grenze zu durchqueren.
Dazwischen liegt ein Land, dessen Kultur und Landschaft dem Wunschzettel eines verwöhnten Touristen zu entstammen scheinen. Die Tonsoldaten des »Ersten Erhabenen Kaisers«, die Große Mauer (das größte Bauwerk der Menschheit!) und der Pekinger Kaiserpalast sind nur einige Kulturdenkmäler von Weltrang. In den Grotten von Dunhuang, Dazu und Longmen finden sich buddhistische Steinskulpturen von unschätzbarem Wert. Die Gärten von Chengde und Suzhou begeistern durch fein durchdachte Architektur. Die Karstkegel Guilins und die schroffen Felsnadeln des Huang Shan sind nur zwei von zahllosen landschaftlichen Attraktionen. Überall im Land zeigen Tempelklöster mit uralter Tradition neue Aktivität, traditionelle Feste wie das Drachenboot- und das Laternenfest werden wieder in überlieferter Manier gefeiert.
Es ist nicht schwer, von China auf den ersten Blick begeistert zu sein. Wer sich einer Reisegruppe anvertraut und drei bis vier Wochen lang von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten führen lässt, bringt sicher ein Bündel von Erlebnissen und einen prall gefüllten Fotokoffer mit. Daran ist, von den Strapazen abgesehen, nichts auszusetzen - doch wer etwas genauer hinschaut, wird seine touristischen Glanzlichter vielleicht am Wegesrand finden.
Daher ein Rat: Lassen Sie ab und zu eine Pagode Pagode sein. Setzen Sie sich ins nächste Teehaus, und beobachten bei Grüntee und Knabbereien die Umgebung. Wenn Sie einen schön gelegenen Tempel finden (und davon gibt es wieder genug): Warum nicht die Stippvisite zu einer Übernachtung ausdehnen? Wenn im Morgengrauen Gebete und Klosterglocken ertönen, macht das den fehlenden Zimmerservice doppelt wett. Wer sich genügend Zeit lässt, kann sich dem Pilgerstrom auf die heiligen Berge anschließen, anstatt mit Bus und Seilbahn eine hastige Gipfeltour zu absolvieren. Er kann das Taxi mit dem Fahrrad und das Flugzeug mit dem gemächlichen Flussdampfer vertauschen. Er kann abends sein Tsingtau-Bier in einer Karaoke-Bar schlürfen. Und er kann im Morgengrauen durch die Parks schlendern, Alt und Jung bei der Morgengymnastik zuschauen und darüber philosophieren, warum die Chinesen zum Abschied gern manman zou sagen: »Gehen Sie schön langsam.«
In China sagt man auch: »Einmal sehen ist besser als hundertmal hören!« Schauen wir also genauer hin: Da eröffnet sich ein Gebiet der landschaftlichen Extreme. Das »typisch chinesische« Bild endloser Reisfelder findet man nur in einer relativ kleinen Region im Südosten des Landes. Dafür nimmt das Hochland Tibets, mit 4000 bis 5000 m das höchste Plateau der Welt, fast ein Viertel der Gesamtfläche Chinas ein. An seinem Südrand ragt die Kette des Himalaya empor, dessen höchsten Gipfel (8848 m) die Chinesen Zhumulangma Feng nennen: den Mount Everest.
Ein weiteres Sechstel, immerhin 1,5 Mio. km², entfällt auf die Hochgebirge und Wüsten Xinjiangs im Nordwesten und die mongolischen Grassteppen im mittleren Norden. Die mandschurische Ebene, die im Nordosten weit nach Russland hineinragt und an deren Südrand Korea grenzt, hat die kältesten Winter Chinas aufzuweisen. Im Januar sinkt das Thermometer hier bis auf 50 Grad unter Null, das sind rund 70 Grad weniger als gleichzeitig im äußersten Süden.
Von Peking bis Shanghai erstreckt sich entlang der Ostküste die fruchtbare chinesische Tiefebene. Diese äußerst dicht besiedelte Region ist das jahrtausendealte Kernland der chinesischen Kultur. Hier lebte und lehrte Konfuzius, hier münden die beiden Riesenströme Huang He (Gelber Fluss) und Chang Jiang (Langer Fluss) ins Meer. Der Chang Jiang, auch Yangzi Jiang genannt, ist mit 6300 km Chinas längster Strom (und der drittlängste der Welt). Er durchläuft neun Provinzen und bewässert mit seinen 700 Nebenflüssen etwa ein Viertel der gesamten chinesischen Anbaufläche.
Gleichzeitig bildet er in etwa die Nordgrenze der subtropischen Klimazone, die mit warmen, regnerischen Sommern und milden Wintern den größten Teil Südchinas einnimmt. Hier dominiert hügeliges Karstland, das in den Südwestprovinzen Guizhou und Yunnan allmählich bis zu den Ausläufern des tibetischen Berglandes ansteigt. Tropische Vegetation und Temperaturen herrschen an der Südküste und auf Hainan.
China umfasst 22 Provinzen, die in Ausdehnung und Bevölkerungszahl mitteleuropäischen Staaten entsprechen. Hinzu kommen fünf Autonome Gebiete (Tibet, Xinjiang, Ningxia, Guangxi, Innere Mongolei) sowie die regierungsunmittelbaren Städte Peking, Tianjin, Chongqing und Shanghai. 1,3 Mrd. Menschen, mehr als ein Fünftel der Weltbevölkerung, leben hier - die Provinz Henan mit über 90 Mio. Einwohnern ist bevölkerungsreicher als jeder Staat Europas.
Nicht nur die Landschaften, auch die Städte und Siedlungen Chinas sind voller Abwechslung. Von der gravitätischen Strenge der Pekinger Kaiserbauten zur geschäftigen Buntheit eines südchinesischen Straßenmarkts, von der Weite des tibetischen Hochlands zu den Stahl-und-Marmor-Palästen Shanghais - China ist nicht auf einen Nenner zu bringen. Es ist ein Land mit ausgeprägten regionalen Traditionen, Kulturen und Interessen und keinesfalls der monolithische Einheitsstaat, als der es (nicht ohne eigenes Zutun) immer wieder missverstanden wurde.
Wie China wirklich ist, darüber hat man im Westen jahrhundertelang gerätselt. Die ersten Fernost- Reisenden des Mittelalters waren Franziskanermönche, die in den Mongolenarmeen des Dschinghis Khan die Heere des legendären Priesters Johannes vermuteten und den aussichtslosen Versuch unternahmen, mit ihnen eine Allianz gegen den Islam zu schmieden. Später waren die Jesuiten an der Reihe: Sie brachten es im 17. Jh. bis zum Beraterstatus am chinesischen Kaiserhof und legten mit ihren Übersetzungen und Berichten die Grundlage der modernen Chinaforschung. Von den Jesuiten angeregt, priesen die europäischen Aufklärer China als Hort der praktischen Vernunft, seine Kaiser als aufgeklärte Monarchen. Doch die Zeiten wandelten sich: Als die Kolonialisten des 19. Jhs. das Land gewaltsam dem westlichen Handel öffneten, entstand ein neues China-Bild. Nun sah man ein grausames, exotisches Heidenvolk mit lächerlicher Zopftracht, das dem Opium verfallen war. Das Zerrbild kulminierte um die Wende zum 20. Jh. in der absurden Angst vor der »Gelben Gefahr«.
Für China selbst war die Öffnung zur Außenwelt verbunden mit einer traumatischen Erfahrung: dem Niedergang des mächtigsten Reichs der Welt zum Entwicklungsland. Denn »Öffnung« hieß zunächst nichts anderes als Kolonialismus. Anfang des 19. Jhs. hatte die britische Ostindische Kompanie ihr Handelsbilanzdefizit gegenüber China durch die Verbreitung einer Droge ausgeglichen: des Opiums, das in der britischen Kolonie Indien angebaut wurde. Als ein Abgesandter des chinesischen Kaisers das Gift in Kanton beschlagnahmen und verbrennen ließ, setzten die Briten mit Kanonenbooten durch, was sie für ihr Recht auf freien Handel hielten. Der erste Opiumkrieg endete 1842 mit der erzwungenen Öffnung von fünf Küstenstädten (darunter Shanghai) und leitete Chinas mühevollen Weg in die Gegenwart ein.
Das alte China hatte sich in der Rolle einer politischen Hegemonialmacht und der einzigen Kulturnation überhaupt gefallen. Dieses »sinozentrische« Weltbild wurde nun Zug um Zug zerschlagen. Die technologisch und militärisch weit überlegenen Kolonialmächte erzwangen immer weitergehendere Handels- und Niederlassungsrechte. Das provozierte gewaltsame Reaktionen, die das Land nur tiefer in die Krise stürzten. Der fremdenfeindliche »Boxeraufstand«, wie er im Westen genannt wurde, endete im Jahr 1900 mit einem gewalttätigen Rachefeldzug und astronomischen Reparationsforderungen der alliierten Westmächte.
Damit war der Kaiserhof am Ende. Die chinesische Republik (seit 1912) litt unter blutigen Unruhen, Bürgerkrieg und dem Vordringen der japanischen Besatzer, die bis 1945 weite Teile des Landes kontrollierten. Das »Jahrhundert der Demütigungen« endete mit der Machtergreifung Mao Zedongs im Jahr 1949. Die chinesischen Kommunisten stellten die Souveränität des Landes wieder her - zum Preis der erneuten Abschottung. Besonders während der »Großen Proletarischen Kulturrevolution« war das Land praktisch von der Außenwelt abgeschnitten.
Seit Ende der 1970er-Jahre öffnet sich China erneut: diesmal aus freien Stücken und mit dem erklärten Ziel, die Wirtschaft des Landes ohne ideologischen Ballast wieder auf Vordermann zu bringen. Seitdem gilt der Satz des pragmatischen Wirtschaftsreformers Deng Xiaoping: »Es ist egal, ob eine Katze schwarz oder weiß ist - Hauptsache, sie fängt Mäuse!« Die Rücknahme von Hongkong (1997) und Macau (1999) aus der Hand der Kolonialisten war Balsam auf die Seele chinesischer Patrioten, weckte allerdings auch neue Begehrlichkeiten: Noch immer wird Taiwan, die de facto selbstständige Inselrepublik vor Chinas Südostküste, mit militärischer »Rückeroberung« bedroht.
Chinas Weg in die Moderne blieb nicht ohne bittere Rückschläge; dies zeigte das Pekinger Massaker von 1989, das viele Hundert Menschenleben kostete. Dennoch hat das Land in den letzten zwei Jahrzehnten unübersehbar an Wohlstand - und ganz allmählich wohl auch an Freiheit gewonnen.
Wer das Land bereist, kann die Ergebnisse besonders in den aufstrebenden Metropolen aus nächster Nähe betrachten: Baustellen und Wolkenkratzer, ein neuer, oft ungehemmt zur Schau gestellter Luxus in Hotels, feinen Restaurants und Boutiquen - aber auch neue Armut und elende Bettler an den Straßenrändern, wie eine Erinnerung an vergangen geglaubte Zeiten.
Übrigens: Auf den Straßen und in Geschäften herrscht durchaus nicht immer die sprichwörtliche Höflichkeit der Chinesen, sondern ein recht direkter Umgangston. Viele Chinesen amüsieren sich königlich, wenn ein Ausländer unter endlosen duibuqi (»Verzeihung«) und xiexie (»Danke«) einen simplen Einkauf tätigt.
Eine Entschuldigung für postkoloniale Überheblichkeit ist das freilich nicht. Und im persönlichen Umgang sieht es ohnehin gleich ganz anders aus - hier ist die gute Form ein absolutes Muss. Wenn dann doch einmal etwas schief geht, denken Sie daran, dass es nichts nützt, aus der Haut zu fahren: »Gesichtsverlust« ist in China eine Todsünde. Sie können dem Ticketverkäufer oder Hotelportier noch so oft beweisen, dass er Unrecht hat: Er wird auf stur schalten, wenn er der Ansicht ist, Sie riskierten seinen oder den eigenen Gesichtsverlust. In diesem Fall hilft Gelassenheit: Sicher findet sich eine Lösung, die alle Beteiligten ohne Blamage aus dem Dilemma entlässt.
Von Konfuzius bis Pekingoper
50 000 Schriftzeichen gibt es im Chinesischen - doch niemand kann sie auswendig. Wissenswertes zum Land im Überblick
Architektur und Städtebau
Die traditionelle chinesische Baukunst war wesentlich weniger von Mode geprägt als die des Westens. Vielmehr beruht sie, ebenso wie der Städtebau, auf gleich bleibenden Konventionen und Prinzipien, die ihrerseits Ausdruck eines Weltbilds sind.
Besonders deutlich wird dies in Nordchina: Fast alle Bauten vom Bauernhaus bis zum Palast öffnen sich nach Süden, zum »größten Yang«, der Sonne, hin. Um möglichst viel davon einzufangen, wenden sie ihm die Breitseite zu. Die kalte Nordseite bleibt bei Bauernhäusern meist gänzlich ohne Tür und Fenster. Die Südorientierung wird auch durch die Nord-Süd-Achsen realisiert, wie sie sich in nahezu jedem Tempel und vielen Stadtgrundrissen wieder finden.
Damit eng verknüpft ist das Prinzip der Symmetrie, das sich an der des Himmels orientiert, wo Mond und Sonne ostwestlich symmetrische Bahnen beschreiben. Die Orientierung nach den Himmelsrichtungen zeigt sich an den Städten im Schachbrettmuster der Straßen und in der rechtwinkligen Ummauerung, wie sie noch heute sehr gut in Xi'an zu sehen ist. Auch Berg und Wasser, das Erhabene (yang) und das Tiefe (yin), werden in Entsprechung gesetzt. Im gebirgigen Süden bestimmen professionelle Wahrsager (Geomanten) die ideale Lage und Ausrichtung von Bauten und Gräbern gemäß der jeweiligen Topografie, sodass sich die günstigen Einflüsse sammeln und die unheilvollen, die Armut, Krankheit und Kinderlosigkeit bringen, fernbleiben. Der Kontrast von Berg und Wasser prägt in künstlerisch variierter Form auch die Gartenarchitektur. All die genannten Punkte bewirken, dass der Mensch durch seine Bauten der Harmonie des Kosmos teilhaftig wird.
Die Mitte, wo Ost und West, yin und yang, Anfang und Ende in segensreichem Einklang stehen, ist innerhalb der Gebäude ein Ort von höherer, weihevoller Qualität. Hier sitzt der Kaiser auf seinem Thron, hier erhebt sich Buddha auf seiner Lotosblüte, hier steht beim Bauern der Ahnenaltar. Daher sind die Bauten auch gleichermaßen Ausdruck einer geistigen wie einer gesellschaftlichen Hierarchie.
Die Mauern, welche die Anwesen umgeben, dienen dagegen dem Schutz und sozialer Kontrolle. »Geistermauern« versperren den Eingang optisch und sollen böse Geister am Eindringen hindern.
Repräsentative Einzelbauten sind in China nahezu unbekannt. Zu einer großen Halle gehören stets Seitengebäude und ein Tor oder eine zweite Halle. Gemeinsam umschließen sie einen Hof. Haupt- und Nebenhallen sind in Holzskelettbauweise errichtet; die Balken, Dachsparren und andere Teile werden ohne Nägel miteinander verzapft. Die Zahl der Säulen an der Schauseite ist stets gerade, sodass ein Mittelfeld als Haupteingang entsteht. Je bedeutsamer ein Gebäude, desto höher ist der Steinsockel, auf dem es steht, desto größer ist die Zahl der Säulen und desto prächtiger ist das geschwungene Dach, das mehr als alles andere das allgemeine Bild chinesischer Baukunst bestimmt hat. Ist es mit gelb glasierten Ziegeln gedeckt, handelt es sich um ein kaiserliches oder vom Kaiser privilegiertes Gebäude. Tierfiguren auf den Dachgraten halten Unheil vom Bau fern.
So gut der Rang eines Bauwerks kenntlich wird, so wenig sagt das Äußere meist über die Funktion oder Nutzung aus. Auffälligste Ausnahme dieser Regel sind die Pagoden, ein mit dem Buddhismus aus Indien gekommener Bautyp. Aus Stein errichtet, dienen sie zur feuersicheren Verwahrung von Reliquien und heiligen Schriften; als »Kirchturm« machen sie den heiligen Bezirk weithin sichtbar.
Anders als die repräsentative Architektur sind chinesische Wohnbauten regional überaus verschieden. Das Spektrum reicht von den Lösshöhlen des Nordens über kreisrunde Wohnburgen und ansehnliche Natursteinhäuser in Fujian bis zu den mächtigen steinernen Tempelbauten Tibets.
Bevölkerungspolitik
China ist mit rund 1,3 Mrd. Menschen das bevölkerungsreichste Land der Erde. Allerdings sind seit Mitte der 1970er-Jahre späte Heirat und »Ein-Kind-Familie« Kernstücke der chinesischen Bevölkerungspolitik, nicht ohne Erfolg: Heute beträgt der jährliche Bevölkerungszuwachs nur rund ein Prozent. Aber auch so gibt es täglich etwa 35 600 Chinesen mehr auf der Welt. In den Großstädten hat sich die Ein-Kind-Familie weitgehend durchgesetzt (Zuwachsrate in Shanghai zum Beispiel 0,5 Prozent). Dagegen lässt die ländliche Bevölkerung nur ungern von der Gleichsetzung »Viele Kinder bedeuten soziales und materielles Wohlergehen« ab - man »leistet« sich schon mal ein weiteres Kind, oft im Wunsch nach männlichem Nachwuchs, auch wenn das eine Geldstrafe mit sich bringt. Zwar wird China in absehbarer Zeit von Indien als bevölkerungsreichstes Land der Welt abgelöst werden, doch der alltägliche Stoßseufzer vieler Chinesen: »Es gibt zu viele Menschen!« wird wohl noch eine Weile zu hören sein.
Buddhismus
Siddharta Gautama, der »Erleuchtete« (Buddha), war ein Zeitgenosse des Konfuzius, doch seine Lehre von der Erlösung aus dem Kreislauf des Leids und der Wiedergeburten gelangte erst um Christi Geburt nach China. Zunächst durch zentralasiatische Missionare verbreitet, fand sie bald so großen Anklang, dass vom 5. bis zum 7. Jh. mehrere chinesische Mönche sich ihrerseits auf den Weg machten, um in mühevollen Expeditionen buddhistische Lehrschriften aus Indien zu holen. Der berühmteste Entdeckungsreisende im Priestergewand, Xuanzang (602-664), war insgesamt 17 Jahre lang in Indien und Mittelasien unterwegs. Gleichzeitig wurde versucht, das umfangreiche und komplizierte Schrifttum des buddhistischen Kanons aus dem Sanskrit ins Chinesische zu übertragen - eine historisch beispiellose Übersetzungsleistung. So konnte sich der Buddhismus in China neben den ursprünglich chinesischen Weltanschauungen Konfuzianismus und Daoismus behaupten. Noch die letzte Herrscherin des alten China, die machthungrige Kaiserinwitwe Cixi, ließ sich gern in der Pose einer gütigen Bodhisattva abbilden. Bis heute ist die Attraktivität der Lehre in der Bevölkerung ungebrochen.
Heilige Berge
Bis in die Wolken aufragend, verbinden Berge die Menschenwelt mit dem Himmel. Mit den Flüssen, die an ihren Hängen entspringen, nähren sie das Land. So wurden einige von ihnen schon vor über zweitausend Jahren Gegenstand der Verehrung, und selbst der Kaiser kam, ihnen zu opfern. Gemäß chinesischem Symmetriebedürfnis und der Lehre von den fünf Himmelsrichtungen unterscheidet man fünf heilige Berge: den Nordberg Heng Shan bei Datong, den Westberg Hua Shan bei Xi'an, den Mittelberg Song Shan bei Luoyang, den Südberg Heng Shan bei Changsha - er wird auf Chinesisch anders geschrieben als der Nordberg Heng Shan - sowie als heiligsten und populärsten den Ostberg Tai Shan bei Jinan. Die später hinzugekommenen vier heiligen Berge des Buddhismus sind dagegen nur insofern heilig, als sie Sitz zahlreicher und bedeutender Klöster sind. Es handelt sich um den Wutai Shan bei Taiyuan, den Jiuhua Shan bei Anqing, die Insel Putuo Shan bei Ningbo und den Emei Shan bei Chengdu.
Kalligrafie
Chinesische Kalligrafie ist weit mehr als nur Schönschreibkunst. In ihr offenbart sich der ganze Charakter des Schreibenden, bis hin zur subtilsten Gemütsregung. Tusche, Reibstein, Pinsel und Papier sind die »Vier Kostbarkeiten des Studierzimmers« (wenfang sibao). Sie zu beherrschen erfordert jahrzehntelange Übung, denn jedes Schriftzeichen ist von Kalligrafen der vergangenen Jahrhunderte unzählige Male künstlerisch interpretiert worden, und von einem Schriftmeister wird erwartet, dass er diese Tradition beherrscht, bevor er eigene Werke produziert. So ist denn auch das handschriftliche Kopieren berühmter Schriftwerke selbst für Meisterkalligrafen eine häufig praktizierte Übung. Von einigen kostbaren Kalligrafien des Altertums besitzt man heute nur noch diese Abschriften, die ihrerseits von Meistern gefertigt wurden und oft unbezahlbar sind - das »Vorwort zum Orchideenpavillon« des Wang Xizhi (4. Jh.) ist das berühmteste Beispiel dafür.
Neben Nachahmungen der alten Knochen- und Bronzeschrift stehen dem Kalligrafen vier grundlegende Schriftarten zur Verfügung: die in der Han-Zeit vorherrschende, behäbige Kanzleischrift (lishu); die Regelschrift (kaishu), die der Druckschrift am nächsten steht und in den Meistern der Tang-Zeit ihren Höhepunkt fand; die für den Laien noch entzifferbare Halbkursive (xingshu) und schließlich die vollkursive Grasschrift (caoshu), die oft mehrere stark verkürzte Zeichen mit einem expressiven Pinselzug verbindet.
Abreibungen von Steingravuren wurden bereits im 2. Jh. zur Vervielfältigung konfuzianischer Texte hergestellt. Man legt einen feuchten Bogen Papier auf den Stein und bürstet ihn fest, sodass das Papier sich der Gravur anschmiegt. Danach wird die Fläche mit einem tuschegetränkten Stoffballen vorsichtig abgetupft. Text oder Malerei erscheinen so leuchtend weiß auf tiefschwarzem Grund.
Konfuzianismus
Die Lehre des »Ehrenwerten Meisters Kong« (Kongfuzi, 551-479 v. Chr.) steht am Anfang der Blütezeit chinesischer Philosophie zwischen dem 5. und 3. Jh. Konfuzius, wie ihn die christlichen Missionare der Neuzeit nannten, war einer der ersten Gelehrten, die als Berater von Fürstenhof zu Fürstenhof zogen und, mit wechselndem Erfolg, auf Gehör und Anstellung hofften. Seine Sozialethik versucht, Staat und Gesellschaft zu einem harmonischen Ganzen zu vereinen. Das geschieht nicht durch Gesetze und Strafen, sondern durch das moralisch vorbildliche Verhalten des konfuzianischen »Edlen« (junzi). Innerhalb der Gesellschaft hat jeder Einzelne die ihm zugewiesene Position nach Kräften auszufüllen und bestehende Autoritätsverhältnisse zu akzeptieren.
Dieses Netz fest definierter »gesellschaftlicher Beziehungen« (lunchang) war das Rückgrat der alten chinesischen Gesellschaft und ist bis heute wirksam. Besonderes Gewicht haben dabei familiäre Beziehungen, die sinngemäß auch auf politische Verhältnisse angewendet wurden: Man bezeichnete beispielsweise den Kaiser als »Sohn des Himmels« und Lokalbeamte als »Eltern des Volkes«.
Natürlich hat »der« Konfuzianismus in seiner langen Geschichte viele Wandlungen mitgemacht. Am folgenreichsten war seine Renaissance zum Neokonfuzianismus im 12. Jh., als Elemente der daoistischen und buddhistischen Kosmologie integriert wurden. Zu Beginn des 20. Jhs. sahen junge chinesische Intellektuelle im Umsturz aller »konfuzianischen« Werte (Harmoniestreben, Passivität, Vorrang des Alten vor dem Neuen) die einzige Möglichkeit zur Reform des maroden Staatssystems. Tatsächlich schienen diese Werte in den 1970er-Jahren, nach Kulturrevolution und Anti-Konfuzius-Kampagnen, nahezu ausgelöscht. Im Zuge der politischen Öffnung ist der Konfuzianismus aber wieder gesellschaftsfähig geworden.
Malerei
Die traditionelle Form chinesischer Malerei ist, neben dem Albumblatt, die Bildrolle: Eine Tuschmalerei auf Seide oder Papier wird auf einen Brokatstreifen aufgezogen und kann zur Lagerung eingerollt werden. Die handwerklich orientierte Malkunst gipfelte in der Hofmalerei, die großes technisches Geschick bei der Dokumentation wichtiger Ereignisse und beim Porträtieren hoch gestellter Persönlichkeiten verlangte. Herausragendes Beispiel der Hofmalerei ist die monumentale Darstellung der Südreise des Kangxi-Kaisers in zwölf Querrollen von insgesamt 230 m Länge, das komplizierteste Bild der Weltkunst (entstanden um 1700). Dagegen versuchte die Literatenmalerei als gelehrte Zerstreuung der künstlerisch ambitionierten Beamtenschaft, sich mit expressivem Schwung der »inneren Wahrheit« der Dinge anzunähern. Ihre Protagonisten schufen Ideallandschaften, in denen sich zwergenhafte Einsiedlergestalten verloren, aber auch feine Studien von Insekten und Blütenzweigen.
Die dekorative Malerei auf Porzellan und Kunsthandwerk hat starken Symbolcharakter. Kranich, Kiefer und Pflaumenblüte stehen für langes Leben, Bambus für aufrechten Charakter, die Fledermaus für Glück, ein Hirsch für Reichtum, Fische für Überfluss.
Im heutigen China steht, nach einem Ausflug in den »sozialistischen Realismus«, die traditionelle Malerei wieder hoch im Kurs. Auch die moderne bildende Kunst hat, nicht zuletzt durch den großen Erfolg junger Künstler im Ausland, ihre Nische im Kulturbetrieb gefunden.
Musik
Die internationale Schlager- und Popmusikkultur hat längst auch China erobert, die traditionelle Volksmusik jedoch nicht verdrängen können. Typische Instrumente der Volksmusik sind Bambusflöten, die zweisaitige Kniegeige Erhu, Trompeten und Oboen, mandolinen- und gitarrenähnliche Zupfinstrumente sowie verschiedene Klappern und Trommeln.
Kennzeichnend für chinesische Musik sind das Fehlen von Mehrstimmigkeit und die Variabilität des Einzeltons. Der andersartige Charakter wird vor allem in der heute nur selten zu hörenden Gelehrtenmusik deutlich. Ihr klassisches Instrument ist die siebensaitige Wölbbrettzither Qin, auf der schon Konfuzius gespielt haben soll. Mit ihren hingehauchten Flageolett-Tönen und zarten Glissandi gehört sie mehr in einen vom Mondlicht erhellten Gartenpavillon als in den Konzertsaal. Populärer, doch auch der gehobenen klassischen Musiktradition zuzurechnen, ist die Zheng, ein Zupfinstrument mit vierzehn bis über zwanzig Saiten und einem rauschenden, harfenartigen Klang.
Pekingoper
Sie wurde Anfang des 19. Jhs. entwickelt und ist heute die bekannteste der zahlreichen regionalen Opernformen Chinas. Mythologie und populäre Geschichtsanekdoten bilden die thematische Grundlage für ein Repertoire von rund zweitausend Stücken. Auf einer fast leeren Bühne spielen vier Kategorien von Akteuren: männliche und weibliche Rollen mit leichter Schminke (Sheng, Dan), komische Rollen, die an einem weißen Fleck auf der Nase erkennbar sind (Chou), und die prachtvollen Schminkmaskenrollen für Herrscher und Generäle (Jing). Frauenrollen werden häufig (früher stets) von Männern gespielt - ein Beispiel ist Mei Lanfang, der berühmteste Schauspieler des 20. Jhs. Die Gesichtsbemalung, die Kleidung, jede einzelne Geste haben hohen symbolischen Wert und geben dem Theaterkenner genauen Aufschluss über Rang, Temperament und die moralische Qualität der Figur. Wichtig sind Requisiten: Ein Kerzenhalter deutet finstere Nacht an, ein Schirm symbolisiert einen Schneesturm, und ein Akteur mit Reitpeitsche sitzt zu Pferde.
Nur nach langem Training, das eine intensive Kampfsportausbildung einschließt, beherrscht ein Schauspieler die vier Grundpfeiler der Opernkunst - Gesang, Rezitation, Gestik und Kampf - perfekt.
Besonders die spektakulären Kampfszenen, bei denen die Kontrahenten sich mit atemberaubender Präzision und Geschwindigkeit stets nur um Millimeter zu verfehlen scheinen, haben der Pekingoper auch im Ausland Liebhaber gewonnen. Die Opern des Südens betonen dagegen Musikalität und Leichtigkeit; gute Beispiele sind die Yue-Oper der Ostküste und die Sichuan-Oper.
Plastik und Skulptur
Chinas frühe Bildhauerkunst steht in enger Verbindung zum Jenseitsglauben. Schon in der Jungsteinzeit wurden den Toten stilisierte Tierfiguren mit ins Grab gegeben. Von der Zhou-Zeit an begleiten Keramikfiguren von Dienern, Wächtern, Wagenlenkern und anderem Personal hochrangige Verstorbene ins Totenreich. Die meisten dieser Figuren sind lebensecht gestaltet, jedoch kaum einen Meter hoch; als bedeutendste Ausnahme, was die Dimensionen angeht, wurde die unterirdische Streitmacht des »Ersten Kaisers« Qin Shihuang bekannt. Nur wenig jünger ist die Tradition der »Geisteralleen«, an denen überlebensgroße Steinfiguren dem Toten die letzte Ehre auf dem Weg ins Grab erweisen.
Bereits unter der ersten historisch greifbaren Dynastie im 2. Jahrtausend v. Chr. tritt die Bronzeplastik mit außerordentlich kunstreichen Ritualgefäßen hervor. Oft sind sie mit stilisierten Tierfiguren verziert und zuweilen als Ganzes in Tierform gestaltet. Die prächtigen Bronzewagen des Qin-Shihuang-Grabs dokumentieren einen späten Höhepunkt des Bronzegusses.
Eine besondere kunsthistorische Stellung nimmt die Jadeschnitzerei ein. Das Material - zunächst nur Nephrit, später auch Jadeit - übte von Beginn der chinesischen Kultur an eine große Faszination aus. Daraus gefertigt wurden anfangs vorwiegend Herrschaftsinsignien, später alle Arten von Schmuck und dekorativen Figürchen.
Die plastische Darstellung des Menschen erreichte ihre Blütezeit etwa ab dem 5. Jh. durch den Buddhismus. Er brachte über die Seidenstraße nicht nur die Monumentalskulptur und die Sitte des Grottentempelbaus, sondern auch klassisch-griechische Einflüsse nach China. Auch später blieb der Buddhismus eine wesentliche Quelle künstlerischer Inspiration, wie die in vielen Tempeln erhaltenen Bildwerke bezeugen.
Politisches System
Der zentralistische Beamtenstaat China existiert seit rund 2000 Jahren und ist damit wohl das stabilste Staatssystem aller Zeiten; seine Grundstrukturen finden sich auch im »sozialistischen« China. Ein damit verbundener Wesenszug chinesischer Politik ist die informelle Herrschaft durch persönliche Autorität, die es zum Beispiel Deng Xiaoping gestattete, bis zu seinem Tod 1997 ohne politisches Spitzenamt zur unumstrittenen Leitfigur zu werden. Äußerlich trägt China weiterhin alle Kennzeichen des sozialistischen Einheitsstaats: die mit unbegrenzter Macht regierende Kommunistische Partei (Gongchandang); den jährlich zusammentretenden nationalen Volkskongress (rund 3000 Delegierte) als formal höchstes Machtorgan; die eigentlichen Machtzentren Politbüro (Partei) und Staatsrat (Staatsverwaltung). Politische Kontrolle ist Sache der Superbehörde »Amt für öffentliche Sicherheit« (Gong'anju), die sowohl für Verkehrsdelikte und Touristenvisa als auch für Spitzeldienste aller Art zuständig ist.
Die Zahl der Opfer politischer Konflikte vor und nach 1949 ist erschreckend groß. Allein der Bürgerkrieg 1946 bis 1950 kostete 20 Mio. Menschenleben. In dieser grausamen Tradition steht das Massaker des Jahres 1989 mit seinen (laut internen chinesischen Statistiken) 931 Opfern, davon 523 allein in Peking: ein Ereignis, das zusammen mit den anschließenden Verfolgungen Chinas kritische Öffentlichkeit auf Jahre hinaus verstummen ließ. Der verbleibende kleine Kreis aufrechter Dissidenten wurde nach Schauprozessen mit Haftstrafen belegt. Auch wenn das westliche Konzept einer Bürgergesellschaft Schritt für Schritt vordringt, bleibt eine politische Öffnung nur langfristig denkbar.
Sprache und Schrift
Es gibt in China rund 50 000 verschiedene Schriftzeichen, von denen jedoch die allermeisten veraltet oder ungebräuchlich sind. Mit 2500 Zeichen sind heute 98 Prozent aller chinesischen Texte lesbar. Dabei steht ein Zeichen stets für eine Silbe; Shanghai besteht also aus zwei, Mao Zedong aus drei Schriftzeichen. Jede Silbe hat eine festgelegte Tonhöhe, die nicht verwechselt werden darf, wenn nicht etwa aus der »Mutter« (ma im 1. Ton) ein »Pferd« (ma im 3. Ton) werden soll. Der größte Teil der Zeichen setzt sich aus zwei grafischen Elementen zusammen, von denen das eine die ungefähre Aussprache, das andere den Sinnzusammenhang angibt.
Die ältesten Schriftfunde stammen von Orakelknochen der Shang-Zeit. Spätere Schreibmaterialien waren Bambusstreifen und Seide, hinzu kommen die eingegossenen Inschriften in alten Bronzegefäßen. China hat nach eigenen Angaben 145 Mio. Analphabeten. Seit 1964 existiert eine Liste mit 2236 vereinfachten »Kurzzeichen«, die das Auswendiglernen erleichtern sollen. Ein großes Problem ist die ungenügende Verbreitung des aus dem Peking-Dialekt abgeleiteten Hochchinesischen (putonghua, auch Mandarin genannt). Die Dialekte des Landes unterscheiden sich so krass, dass eine mündliche Verständigung ohne Kenntnis der Hochsprache oft ausgeschlossen ist.
Tempelklöster
Die meisten religiösen Stätten in China dienen sowohl als Tempel für die Allgemeinheit wie auch als Kloster. Dabei folgen die daoistischen Tempelklöster in ihrer Anlage - freilich nicht in ihrem Figurenschmuck - weitgehend dem Vorbild der buddhistischen. Ein typisches buddhistisches Tempelkloster besteht, abgesehen von zahlreichen Nebengebäuden, aus mindestens drei Hallen. Den Anfang im Süden machen ein Tor sowie im Rücken des Eintretenden eine Geisterwand. Im folgenden Vorhof stehen rechts der Glockenturm und links der Trommelturm; der Klang ihrer Instrumente verkündet die liturgischen Tageszeiten. Geradeaus betritt man die Halle der Himmelskönige, die eigentliche Pforte zum Tempelinneren. In seiner Mitte sitzt verheißungsvoll der lachende Dickbauchbuddha und streckt den Besuchern seinen Nabel entgegen, in dem sich seine Lebensenergie und Weisheit so erstrebenswert verkörpern. An den Seiten aber zürnen die vier gewaltigen Himmelskönige allem Bösen, das sich meist in Gestalt von Dämonen schon unter ihren Füßen windet. Auf der Rückseite des Buddha wacht Weituo, des Glaubens General, über den inneren Tempelbezirk.
Jenseits des nächsten Hofs, in dem ein großes Weihrauchgefäß steht, erhebt sich die Haupthalle. Dort thronen auf ihren stilisierten Lotosblüten meist drei Buddhas. In ihren schlichten Mönchsgewändern verkörpern sie die höchste und reinste Form der Existenz, die ein frommer Mensch erreichen kann, ehe er ins Nirwana eingeht. Als Altarfiguren sind am häufigsten die Buddhas der drei Zeitalter: in der Mitte Shakyamuni, der historische Buddha Gautama, der für die Gegenwart steht, links Dipamkara, der Buddha der Vergangenheit, und rechts Maitreya, der Buddha der Zukunft.
Das nächste Gebäude ist entweder die Lehrhalle, in der sich die Mönche versammeln, oder, falls diese fehlt, die letzte Halle. Dort, am Ende des heiligen Bezirks, steht gewöhnlich eine Figur, die den Menschen Hoffnung spendend zurückverweist auf die Welt, die noch der Erlösung harrt. Oft übernimmt Guanyin diese Funktion (als Bodhisattva der Barmherzigkeit hilft sie den Menschen in Not), oft auch Buddha Amitabha, der alle erlöst, die nur seinen Namen anrufen.
Umweltschutz
Luft- und Wasserverschmutzung sind in vielen chinesischen Metropolen ein Problem. 75 Prozent der chinesischen Energie werden durch die Verfeuerung von schwefelhaltiger Kohle erzeugt. Das führt in Ballungsgebieten zu einer Schwefeldioxidbelastung von bis zu einem Milligramm pro Kubikmeter Luft - mehr als das Zehnfache der von der Weltgesundheitsorganisation festgelegten Obergrenze. In China müssen 22 Prozent der Weltbevölkerung mit 8 Prozent des weltweiten Trinkwassers auskommen - ähnliche Zahlen gelten für Ackerland.
Volksgruppen
China ist ein Vielvölkerstaat mit 56 Nationalitäten, von denen die der Han (92 Prozent der Gesamtbevölkerung) die mit Abstand größte ist. Die anderen Volksgruppen werden auch als »Minoritätenvölker« bezeichnet - ein etwas irreführender Name, immerhin handelt es sich um 91 Mio. Menschen. Größtes Volk nach den Han sind die Zhuang (15,5 Mio.), ein Thai-Volk. Es folgen die Mandschuren Nordostchinas (9,8 Mio.) und die moslemischen Hui (8,6 Mio.), ferner Tibeter, Mongolen und die Turkvölker Xinjiangs als wichtigste Gruppen. Die Siedlungsgebiete der »Minoritäten« machen deutlich über die Hälfte des chinesischen Staatsgebiets aus. Sie enthalten reiche, großteils unerschlossene Rohstoffvorkommen und sind strategisch von großer Bedeutung.
Es existieren fünf Autonome Regionen und zahlreiche Kreise und Bezirke mit begrenzter Verwaltungs- und Bildungsautonomie. Die touristische Öffnung und eine allgemeine Liberalisierungstendenz haben in den letzten Jahren das kulturelle Selbstbewusstsein der Völker gestärkt. Übersteigt jedoch ihr Verlangen nach Souveränität das geduldete Maß, kennt der Zentralstaat kein Pardon: so in Tibet, das seit 50 Jahren mit der ganzen Härte einer militärischen Besatzungsmacht regiert wird.
Wirtschaft
China ist seit den 1990er-Jahren zum Synonym für »Wirtschaftsboom« geworden. Das Wirtschaftswachstum beträgt im Schnitt stolze 7 bis 8 Prozent jährlich (2003 waren es sogar 9,1 Prozent), die Ausfuhren steigen stetig, und ein Strom ausländischer Investitionen (2002: 52 Mrd. US-Dollar) gibt zusätzlichen Schwung. Kurz: Xiahai, der »Sprung ins Wasser« des Kapitalismus, ist das Gebot der Stunde. Hongkong, Shanghai und Peking gehören mittlerweile, was Büromieten und gehobene Dienstleistungen anbetrifft, zu den teuersten Städten der Welt. Leisten kann sich das nur eine kleine Oberschicht, zu der neben chinesischen Managern und Firmenchefs auch westliche Ausländer zählen. Im Schnitt beträgt das Jahreseinkommen in Shanghai nur rund 3000 Euro - und das ist immer noch dreimal soviel wie im Rest des Landes und fast zehnmal soviel wie im armen Südwesten.
Die »sozialistische Marktwirtschaft« trägt jedoch eine Erblast: Noch sind zwei Drittel der Beschäftigten in den Städten - rund 120 Mio. Menschen - bei staatlichen Unternehmen angestellt. Viele dieser Firmen sind unrentabel, und die notwendigen Reformen drohen Millionen von neuen Arbeitslosen zu schaffen. Wächst die Wirtschaft zu langsam, dann wird die Arbeitslosenquote (offiziell drei Prozent, tatsächlich vielleicht das Dreifache) drastischer steigen als bisher.
Sorgen machen auch die vier großen Staatsbanken, die eine Milliardenlast fauler Kredite vor sich herschieben. Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation im Jahr 2002 treibt die Öffnung weiter voran, kann aber auch neue soziale Probleme mit sich bringen.
